Der ASB-Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. zu Besuch beim Regionalverband Altkreis Quedlinburg e.V.

Beim ASB Regionalverband Altkreis Quedlinburg e.V. erhalten Suchtkranke fachlich und menschlich die Hilfe, die sie brauchen.

Suchtkranke zu motivieren, selbst Wege in ein suchtmittelfreies Leben zu finden, aber auch die Gesundheit der Klienten zu fördern und ihnen Teilhabe am Familienleben sowie an Beruf und Gesellschaft zu ermöglichen, das ist das Ziel in der Suchthilfe des ASB Regionalverbandes Altkreis Quedlinburg e.V.

Nahe am Stadtzentrum des sagenumwobenen Örtchens Thale, am nordöstlichen Rand des Harzes gelegen, begrüßt uns Antonia Mautner gastfreundlich und warmherzig in der Außenstelle des ASB-Regionalverbandes Altkreis Quedlinburg e.V. Hier, in Thale, übrigens ein staatlich anerkannter Erholungsort, bietet der Regionalverband ein Portfolio verschiedenster Dienstleistungen an. Neben Rettungsdienst, einem ASB-Fahrdienst, der den Alltag von Behinderten oder älteren Menschen, die in Ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, maßgeblich verbessert, dem „Mobilen Mittagsmenü“, einem Betreuten Wohnen, einer Tagespflege und einem ambulanten Pflegedienst sind hier die Suchthilfe und die Sozialpädagogische Familienhilfe fest verankert.
Antonia Mautner ist beim ASB Regionalverband als Sozialarbeiterin in der Suchthilfe tätig und gemeinsam mit Michael Hubert, ihrem „Mädchen für alles“ und Martina Schulze der Ergotherapeutin stemmt sie hier den Alltag in der Tagesstätte. Hubert, gelernter Zimmermann und Vater von fünf Kindern, betreut die kleine Werkstatt im Keller und treibt gemeinsam mit den Klienten regelmäßig Sport. Er erzählt, dass sich die Arbeit in der Suchthilfe in den vergangenen 2-3 Jahren gewandelt hat, man neben Alkoholabhängigen oftmals nun jüngere Klienten betreut, die z.B. der synthetischen Aufputschdroge Crystal Meth verfallen sind. Zwischen 10-15 Menschen finden hier ihren Platz. Antonia Mautner, Martina Schulze und Michael Hubert zeigen den Männern und Frauen Möglichkeiten und Wege auf, wieder in einem strukturierten Alltag ohne Sucht und Zwänge, „über(leben)“ zu können.
Und genau dabei hilft zuallererst ein gegliederter Tagesablauf. Morgens, zwischen 7-8 Uhr, ist „Ankommen“. Es gibt frischgebrühten Kaffee und der Blick auf den Wochenplan verrät, wer Kochdienst hat. Denn hier, in der Suchthilfe des ASB-Regionalverbandes kochen die Klienten selbst. Es gibt „Wunschessen“ und schon am Vormittag locken verführerische Düfte in die Küche. Ein „Falscher Hase“ schmort in der Röhre, auf dem Herd köcheln Kartoffeln und Möhrengemüse. Einmal pro Woche gibt´s Fisch und vegetarisch gekocht wird auch. Das gefällt nicht jedem, aber mittlerweile haben sich Jürgen und die anderen daran gewöhnt und festgestellt, dass „fleischlos essen“ auch schmecken kann und satt macht.
Zurück zur Struktur: Jeder Klient findet irgendwann seinen Platz in der Tagesstätte, die wie eine Wohngemeinschaft funktioniert, nur ohne Übernachtung. Gemeinsam mit der Ergotherapeutin werden individuelle Therapien festgelegt. So sitzt Herbert vor einem riesigen Puzzle, von den 2500 Teilen hat er bereits mehr als die Hälfte zusammengefügt. Im Kreativraum treffen wir Maria, die Mutter von zwei Kindern kommt seit einem Jahr regelmäßig in die Tagesstätte. Heute beschäftigt sie sich im gut sortierten Therapieraum mit Handarbeiten und Norbert, direkt neben ihr, ist ganz vertieft mit einem Pinsel in der Hand beim „Malen nach Zahlen“. Gerhard sitzt, so wie in seinem „alten Leben“, am Computer. Alle sind freundlich und aufgeschlossen. „Wir bieten viele kreative Beschäftigungen an, denn unsere Erfahrung zeigt, dass genau diese sich wiederholenden Tätigkeiten den Klienten Halt geben: Häkeln, Stricken, Arbeiten mit Peddigrohr, Töpfern, Seidenmalerei und Holzarbeiten, zum Beispiel zu Ostern. Auch Gruppenprojekte werden ins Leben gerufen. Momentan baut Micha unten in der Holzwerkstatt mit unseren Suchtkranken ein Insektenhotel“, erzählt Antonia Mautner, die stolz einige Arbeiten präsentiert.
„Und“, so Michael Hubert, „wir organisieren hin und wieder gemeinsame Ausflüge in Kooperation mit unserem Fahrdienst hier beim ASB Altkreis Quedlinburg“. So hätte man im vergangenen Herbst, einem wahrhaft Goldenen, die Ausflügler aus der Tagesbetreuung für Suchtkranke in Treseburg treffen können. Bei einer gemeinsamen Wanderung entlang der wunderschönen Bode war der Endlossommer 2018 noch einmal omnipräsent und mit seiner wohltuenden Wärme auf der Haut intensiv zu spüren. Es wurden Gespräche geführt am glitzernden Wasser des kleinen Flüsschens, es wurde gelacht und geträumt. Dieser kurze Ausflug in die Natur mit sich anschließendem gemeinsamen Grillen brachte nicht nur den Suchtkranken, sondern auch den Sozialarbeitern viel Freude, Lebensmut und Zuversicht.
Gefragt nach den wichtigsten Eigenschaften, die ein Berufstätiger in der Suchthilfe mitbringen sollte, meint Michael Hubert sogleich „Empathie und man muss sich in andere hineinversetzen, sich hineindenken können“. Für Antonia Mautner sind es „Nerven aus Stahl“, die vonnöten sind. Die braucht sie vor allem beim sogenannten „Einkaufstraining“. Einmal in der Woche geht Martina Schulze mit den Klienten in den Supermarkt und manchmal begleitet Antonia die Gruppe. Dieser „etwas andere Ausflug“ verlangt aber nicht nur den Sozialarbeitern viel ab, nein, auch den Klienten. Denn hier lernen Sie an einem Supermarktregal voll Schnaps vorbeizugehen, die Flaschen zu ignorieren und sich auf den tatsächlichen Einkauf zu konzentrieren. Hier lernen sie Zutaten zu kaufen für das gemeinsam zu bereitende Mittagessen, hier lernen sie den „ganz normalen Alltag“. Und wenn der wieder funktioniert, dieser für jeden von uns so „ganz normale Alltag“, dann verbuchen Martina Schulze, Antonia Mautner und Michael Hubert dies als beruflichen Erfolg. „Wenn ein Patient zwischen drei und vier Jahren trocken ist, dann hat sich unsere Arbeit ausgezahlt. Schließlich darf man nicht außer Acht lassen, dass der Aufenthalt in unserer Tagesstätte mit den angebotenen Strukturen und Abläufen für alle freiwillig ist“, erklärt er. Aber Michael Hubert findet auch kritische Worte gegen eine fortwährende bürokratische Überregulierung. Er erklärt, dass man auch mal unkonventionelle Wege gehen muss, da die immer größere Drogenvielfalt eine hohe Flexibilität bei Therapieansätzen erfordert. Ein Zuviel an Bürokratie verurteilt vielversprechende, nicht immer geradlinige Therapien von vornherein zum Scheitern.
Antonia Mautner schaut auf die Uhr. Ja, es ist bereits einige Zeit vergangen und es steht noch ein Besuch im  „Kontaktcafé“ in der UNESCO Welterbe-Stadt Quedlinburg an. Es sind nur wenige Autominuten von Thale nach Quedlinburg, aber diese sind äußerst eindrucksvoll. Vorbei geht’s an der Teufelsmauer in Neinstedt, ein beliebtes Ausflugsziel im Sagenharz und schon bald darauf erscheint am Horizont die mehr als tausendjährige romanische Stiftskirche über der Stadt, eines der vielen Wahrzeichen von Quedlinburg.
Petra Osterloh, die Leiterin der Suchthilfe und der Sozialarbeiter Hans-Dieter Sommer erwarten uns bereits in ihrem Büro. Frau Osterloh führt uns als erstes durch die Räumlichkeiten der „ASB-Außenstelle“. Hier ist Platz für die psychosoziale Beratungsstelle, hier ist Platz für Selbsthilfegruppen. In denen sind übrigens alle gleich, ob Maurer, Lehrer oder Arzt. Hier sitzen alle im selben Boot, sind durch ihre Erkrankung gleichwertige Menschen. „Das Prinzip ist ganz einfach“, erklärt Petra Osterloh. „Im Büro beraten wir Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängige. Wer sich entschließt, nicht mehr zu trinken oder drogenfrei zu werden, den vermitteln wir in ein Krankenhaus zur Entgiftung, zur Therapie in eine Entwöhnungseinrichtung und zur Nachsorge in die Selbsthilfegruppen und/oder in unsere ASB-Tagesstätte in Thale. Während der Zeit der Entgiftung und Therapie halten wir stetig Kontakt und nach der Entlassung bieten wir sofort weitere Unterstützung zur Stabilisierung der Gesundheit an. Ein wichtiger Bestandteil dabei sind unsere Selbsthilfegruppen. Es funktioniert wie ein Zahnradgetriebe und jedes Rädchen greift, um das Ganze am Laufen zu halten und um die Therapie erfolgreich abschließen zu können. Wer sich hier entschließt, endlich nicht mehr zu trinken, dem helfen wir sofort, unverzüglich und möglichst unbürokratisch. Die Bürokratie bleibt auf unseren Schreibtischen“.
Während Petra Osterloh über ihren Berufsalltag erzählt, kommen wir in den Gastraum von „Null Promille“, dem Kontaktcafé des ASB in Quedlinburg. Es ist gemütlich, sauber und vor allem gut besucht und das seit über 20 Jahren! Das liegt ganz sicher auch am guten Essen, was hier täglich frisch zubereitet wird und zwar unter den wachsamen Augen von Peter. „Er schmeißt den Laden hier“, erklärt Petra Osterloh. Peter winkt ab, schüttelt freundlich den Kopf und zeigt auf seine Mitarbeiter, die ihm zur Seite stehen. „Ohne die alle, würde ich das hier nicht schaffen, denn wir haben täglich geöffnet, sind Treffpunkt für Suchtkranke, Angehörige, Freunde und bieten allen, die uns besuchen möchten, täglich eine selbstgekochte, warme Mahlzeit.“
Heute gibt es gefüllte Paprikaschote mit Reis, die genauso schmeckt, wie früher bei Großmutter. Einfach, gut und köstlich!
Dass Peter, der verantwortliche Koch und Leiter des Kontaktcafés „Null Promille“ selbst alkoholabhängig war, erzählt er unumwunden. 2008 war er zur Entgiftung, kurz darauf zur Entwöhnung. Er kennt die Abläufe der Therapie, er kennt die Hürden und weiß um die Fallstricke, die lauern, „wenn man wieder Draußen ist“. Im intensiv betreuten Wohnen hat er gelernt, seinen Alltag wieder selbst bestreiten zu können und seit fast vier Jahren ist er fester Mitarbeiter des ASB-Regionalverbandes Altkreis Quedlinburg und führt das Kontaktcafé.
Solche „Karrieren“ sind es, die Petra Osterloh zum Lächeln bringen, die sie stolz machen und ihr aufzeigen, wie wichtig ihre Arbeit in der Suchthilfe ist. Ihre Arbeit, aber auch die Arbeit von Martina Schulze, Antonia Mautner, Michael Hubert und den vielen angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeitern beim ASB-Regionalverband Altkreis Quedlinburg e.V.